Zu neuen Ufern (1996 - 2006) - Teil 4

Zu neuen Ufern (1996 - 2006) - Teil 4

Machte das Abstiegsgespenst über 25 Jahre lang meist einen großen Bogen um den damaligen Bezirksligisten aus Katzenfurt, so sehr fühlte es sich plötzlich in der Dill-Aue heimisch. Leider blieb es nicht beim Abstieg aus der Bezirksliga, der man so lange ohne Unterbrechung angehört hatte.

Wie schnell Lorbeeren im Sport verwelken können, erfuhr man aller Deutlichkeit während des Spieljahres 1996/1997 in der A-Liga Wetzlar. Lediglich 30 Punkte führen die Sportfreunde in die Abstiegsrelegation. Nach einem 4:4 im Heimspiel gegen Griedelbach bedeutet eine 0:4 Niederlage in Niedergirmes das Aus im Kampf um den Klassenerhalt. Der schwere Weg führte zurück in die B - Klasse Wetzlar, die man genau vor 30 Jahren mit so viel Glanz hinter sich gelassen hatte. Nicht nur die Aktiven waren geschockt, der gesamte Verein befand sich in lähmender Tristesse. Abes es war Neubesinnung nötig, manchmal auch für selbstverständlich gehaltene Ligen-Sonnenplätze mussten zurückerkämpft werden. Das Stammpersonal der ersten Mannschaft war längst in die Jahre gekommen, Jugendarbeit lahmte, Nachwuchsspieler waren nur sporadisch in Sicht.

Die letzen B- und A-Jugendteams aus den eigenen Reihen datierten aus den 70ern, die Blutauffrischung aus jenen Jahren war längst aufgebraucht. Zudem hatte sich Legionärsgehabe breit gemacht. Blieben vormals auswärtige Spieler viele Jahre bei den Sportfreunden, wurden sogar "eingemeindet", so ähnelte nunmehr das ständige Kommen und Gehen einer Drehtür, die den Verein zunächst weiter ins Abseits beförderte. Zwar war die B-Liga der Saison 1997/1998 durch die Zusammenlegung mit den Oberlahnvereinen recht spielstark. Doch war im Verein keiner mit dem zwölften Tabellenplatz im Schlußklassensement zufrieden, denn viel schlimmer konnte es nicht mehr kommen.

Ein Verjüngungsprozess war allenfalls eingeleitet, so ließ der achtzehnjährige Sascha Nell ab der Saison 1998/1999 zunehmend in der Torjägerrolle aufhorchen. Am letzten Spieltag hatte er die Torschützenliste der B-Liga WZ/Oberlahn mit 46 Treffern angeführt. Im Folgejahr 1999/2000 krönte er seine guten Leistungen als Torschützenkönig der Liga mit 47 Treffern. Aber das alles reichte noch nicht, zumal das Durchschnittsalter der ersten Mannschaft weiterhin beängstigend hoch war und das Reserveteam zunehmend austrocknete.

Das Jahr 2000 hatte um ein Haar den Sportfreunden eine Trendwende beschert. Nach einigen personellen Verstärkungen war man nach der Vorrunde noch Halbzeitmeister mit 5 Punkten Vorsprung, trotzdem musste man sich nach einer enttäuschenden Rückrunde durch einen dritten Tabellenplatz von allen Aufstiegsträumen verabschieden. Auch im kommenden Spieljahr schnupperte man gelegentlich an der Tabellenspitze, aber es reicht erneut nicht.

Die nächsten beiden Jahre ließen die Sportfreunde erzittern und bangen. Es ging schlicht um die Existenz der ersten und zweiten Mannschaft. Immer weniger Spieler standen zur Verfügung, die Talfahrt nahm beängstigende Ausmaße an, ein 14. Tabellenplatz von 16 Teams in der B-Liga Wetzlar im Jahre 2002 kam SOS-Rufen gleich. Die aber sollten erhört werden. Parallel zu der mächtig angeschobenen Jugendarbeit schon Ende der 90er durch Karl-Heinz Will sah man endlich viele junge einheimische Spieler in unseren Reihen. Markus Altenheiner, David Hesse, Alexander Ringsdorf oder Christian Wild waren talentiert wie ehrgeizig. So kamen Erfolge zurück, der Patient verließ die Intensivstation, obwohl manche Blessuren lange nachschmerzten. Aber die Konkurrenz horchte auf, allseits viel Lob motivierte die Mannschaft weiter, die binnen weniger Jahre ihr Durchschnittsalter radikal gesenkt hatte. Im Spieljahr 2002/2003 hatte sich die erste Mannschaft am Ende der Saison noch auf Platz 10 von 15 Mannschaften wieder gefunden. Schließlich haben sich die SFK Spieler im Folgejahr doch bereits auf den 6. Tabellenplatz gemausert. Mit dem Erfolg kam die Spielfreude und das Interesse an der Fussballmannschaft im Dorf zurück.

Die Spielrunde 2004/2005 ist es wert, sie mit einigen Sätzen in der Chronik festzuhalten. Keiner hätte dem jungen Team einen Sprung an die Tabellenspitze zugetraut. Lange Zeit verließ man sogar Schlepptau der späteren Aufsteiger aus Naunheim und Aßlar. Das Zuschauerinteresse war zurück, die Ex-No-Name-Truppe hinterließ zum ersten Mal seit Jahren bei der Konkurrenz deftige und bleibende Duftmarken. Wer weiß, was hätte passieren können, wenn Sascha Nell nicht zu Beginn der Rückrunde erkrankt mehrere Monate ausgefallen wäre. Er stand der Offensive der Sportfreunde zusammen mit Marius Löhr und David Hesse so gut zu Gesicht.

So kam es, wie es kommen musste. Final-Countdown an einem Junisamstag in Aßlar. Die Sportfreunde mussten gewinnen, dann wäre der Aufstieg perfekt gewesen. Die Transparente waren nach einer 1:0 Führung bereits ausgerollt, dann herrschte nur noch lähmendes Entsetzen. Die Reservemannschaft des VfB Aßlar drehte das Spiel zu einem 2:1 Sieg. So blieb nur noch tiefe Enttäuschung bei den Sportfreunden. Man hatte viel gegeben, wenn auch nicht immer alles, aber das Positive überwog. So leckte man die Wunden, versucht nun unter dem neuen Trainer Harald Glotzbach einen erneuten Anlauf in Richtung Aufstieg zu nehmen. Viel Verletzungspech verhinderte in der Vorrunde mehr, aber die Sportfreunde sind weiter ein Spitzenteam der Liga, auch wenn zu viel Punkte schon in der Vorsaison gegen Spitzenteams liegen blieben. Es wäre schön, wenn im Jubiläumsjahr...

Man wagt es kaum auszusprechen!

Es ist auch an der Zeit, in diesem Resümee die typischen aktuellen Probleme eines Amateur-Vereines anzuführen, die Jugend- wie Seniorenarbeit in den beiden letzten Jahrzenten zunehmend erschweren. Die Sportfreunde befinden sich in einem sehr bedrohlichen Fadenkreuz - wie viele andere Vereine auch. Schon in der näheren Umgebung ist die Fusionswelle in Gestalt von Spielgemeinschaft längst angebrochen. Kleine Vereine verlieren zunehmend ihre Eigenständigkeit und durch Abwerbung talentierter Kinder (ich betone Kinder!) ihre Überlebensbasis. Das Premiere-Zeitalter, vom DFB maßgeblich angeschoben, verkauft die Amateurvereine, verändertes Freizeitverhalten tut Übriges. Kein Wunder, dass Kinder und Jugendliche auch das im Sport praktizieren, was ihnen gesellschaftlich vorgelebt wird. Das Konsumgebaren, die Ich-AG's haben längst auch den Amateurfussball infiziert, dabei manche Sport-Biotope zertreten. Die heutige Fussball - Kultur ist eine andere, man schaue sich nur einmal die Zuschauerzahlen und die rückläufige Zahl von deutschen Seniorenspielern an. Diese Entwicklung hat auch die Sportfreunde nicht verschont, im Gegenteil, sogar auf dem falschen Fuß erwischt.

Denn gerade diese Tendenzen gingen parallel zu den Abstiegen vor 10 Jahren. Um so schwerer deshalb wieder auf die Beine zu kommen. Die Frage nach der Zukunft der Sportfreunde stellt sich nicht allein, ist verknüpft mit einem Quo Vadis Amateurfussball. Wenn es eine Zukunft für kleine Amateurvereine geben sollte, ist breites Umdenken angesagt. Der einheimische Jugendliche, das einheimische Bambini-Team muss wieder mehr Interesse finden als Sport-Gladiatoren oder Profi-Teams, die ihre Basis längst vergessen haben. Nicht Michael Schuhmacher, nicht die Bundesliga- "Größen" zuallererst anschauen, sondern den kleinen Jungen aus der Nachbarschaft bei den ersten fussballerischen Gehversuchen. So haben wir doch alle angefangen oder? Nicht nur im Fussball ist ein Bekenntnis zur Jugend überlebenswichtig. In diesem Sinne: Glückauf, Sportfreunde Katzenfurt!

fussball.de

weiter zu fussball.de